Sie übernehmen Extraaufgaben, machen Überstunden und wollen es allen recht machen: Menschen mit Tendenz zum »People Pleasing« sind für alle da – und vergessen sich selbst. Fünf Schritte, um der Harmoniesucht im Job zu entkommen.
Es gibt Sätze, die Valmira Sadiki im Büro schon viel zu oft gesagt hat: »Na klar, das übernehme ich gern!« oder »Mach ich sofort!«. Die 28-jährige Betriebswirtin arbeitet im Finanzmanagement, aber sie will es allen recht machen. Damit sich alle Kolleginnen und Kollegen wohlfühlen, antwortet sie auf jede Frage sofort, hört sich private Sorgen an und räumt ständig den Geschirrspüler im Büro aus. Für die Wünsche der anderen macht sie permanent Überstunden, während sie selbst dabei zu kurz kommt.
Woher kommt dieses starke Bedürfnis? Sadiki erinnert sich an die Glaubenssätze ihrer Eltern. Ihre Familie ist in den Neunzigerjahren aus dem Kosovo nach Deutschland geflohen. Die Eltern wollten, dass ihre Tochter in der neuen Heimat Anerkennung findet: »Streng dich an, fall nicht unangenehm auf! Sei immer vorbildlich!« Diese Sätze hat Sadiki tief verinnerlicht. In der Psychologie nennt man dieses Verhalten »People Pleasing« oder Harmoniesucht: Der Fokus liegt nur auf den Wünschen des Umfelds, nicht auf den eigenen.
In Teams sind solche Menschen sehr beliebt. Sie erledigen Aufgaben sofort, ohne kritisch zu prüfen, ob sie überhaupt zuständig sind oder ob sie dafür alles andere stehen und liegen lassen müssen. Doch die Psychologin Ulrike Bossmann warnt: Die ständige Hilfsbereitschaft führt zu chronischem Stress, Selbstzweifeln und Anspannung. Betroffene schlucken ihren Frust so lange runter, bis nichts mehr geht – und riskieren Schwindel, Tinnitus oder völlige Erschöpfung.
Auch Sadiki erlebt diesen Punkt im Jahr 2023. Ihre Chefin bittet sie um Hilfe bei einem schwierigen Projekt und lobt sie: »Du kannst doch so gut mit Menschen!« Sadiki möchte die Chefin nicht verärgern und traut sich nicht, ihre Bedenken zu äußern. Sie bekommt das Projekt zusätzlich zu ihrer normalen Arbeit, ohne dass ihr etwas anderes abgenommen wird. Bald muss sie die Fehler anderer Kollegen ausbügeln. Abends fällt sie völlig erschöpft ins Bett und tippt schon morgens beim Aufwachen neue Aufgaben ins Handy.
Wie kommt man raus aus diesem Hamsterrad? Der erste Schritt ist Erkenntnis. Man muss genau beobachten, bei welchen Personen und in welchen Situationen man automatisch angepasst handelt. Typische Warnsignale auf der Checkliste sind: Ich fühle ein klares »Nein«, sage aber »Ja«. Ich habe große Angst, egoistisch oder kompliziert zu wirken. Und ich schaffe es kaum, Kollegen bei Anfragen auf später zu vertrösten. Nur wer diesen automatischen Reflex erkennt, kann seine Grenzen wahren.
Oft merken Betroffene gar nicht, wie schlecht es ihnen geht, weil sie nur noch funktionieren. Sie unterdrücken ihre eigenen Bedürfnisse, um die Harmonie im Team nicht zu gefährden. Die Psychologie-Professorin Stefanie Neubrand nennt die Lösung »Impathie« – also Empathie nach innen. Statt sich Selbstvorwürfe zu machen (»Warum konnte ich mich schon wieder nicht durchsetzen?«), sollte man freundlich mit sich sprechen und den eigenen Ärger bewusst wahrnehmen. Ärger zeigt uns nämlich, dass eine Grenze überschritten wurde.
Um die eigenen Gefühle zu prüfen, braucht man vor allem Zeit. Harmoniesüchtige neigen dazu, sofort »Ja« zu rufen und sich damit viel zu viel Arbeit aufzuhalsen. Um diesen Reflex zu stoppen, hilft es, sich Zeit zu verschaffen. Ein einfacher Satz kann im Büroalltag Wunder wirken: »Danke, dass du an mich gedacht hast. Ich überlege es mir und melde mich um 14 Uhr dazu.« So gewinnt man wertvolle Bedenkzeit, um in Ruhe den eigenen Kalender und die Zuständigkeit zu prüfen.
Ein Nein zu einer weiteren Aufgabe ist immer ein Ja zu sich selbst – zur eigenen Gesundheit und zur Qualität der Arbeit. Dafür muss man Position beziehen. Viele Menschen verwässern ihre Sprache aus Angst anzuecken: Sie benutzen ständig Wörter wie »vielleicht« oder »eventuell«. Besser ist eine klare, direkte Bitte. Als Training rät Bossmann, jede Woche bewusst kleine »Neins« zu sammeln: Im Meeting einmal kritisch widersprechen oder sich zurückhalten, wenn gefragt wird: »Wer macht das Protokoll?« – und die Stille im Raum ertragen.
»Jede gesunde Beziehung hält es aus, dass man jemanden mal enttäuscht«, betont Psychologin Bossmann. Trotzdem spüren People Pleaser oft ein starkes Unbehagen oder sogar Scham, wenn sie sich für ihre Belange einsetzen. Aber niemand hat gesagt, dass sich Abgrenzen sofort gut anfühlen muss! Das schlechte Gefühl bedeutet nur, dass man etwas Neues und Mutiges wagt. Der persönliche Erfolg liegt darin, für sich einzustehen – völlig unabhängig davon, wie das Gegenüber reagiert.
Heute macht Valmira Sadiki vieles anders. Nach einer Auszeit im Ausland hat sie den nötigen Abstand gewonnen. Bei jeder Anfrage prüft sie zuerst: Ist das wirklich mein Aufgabenbereich? Wenn ein Kollege möchte, dass sie schnell seine Aufgabe übernimmt, sagt sie ruhig: »Nein, entweder machst du das allein, oder ich zeige es dir noch einmal.« Die anfängliche Irritation beim Gegenüber hat sie ausgehalten – und gemerkt, dass nichts Schlimmes passiert. Sie hilft weiterhin gern, aber mit fast 30 Jahren muss sie niemandem mehr etwas beweisen.